Daniel Richter + Jonathan Meese
"Die Peitsche der Erinnerung" vom 18.01. - 19.03.2006 im Kunsthaus Stade
 03.04. - 09.04.2006 in Berlin, 30.04. - 30.09.2006 in Hamburg,  15.10.2006 - 07.01.2007 im Le Magasin, Grenoble,
 03.03 bis 01.04.2007 im E-Werk Freiburg,  15.07. bis 26.08.2007 im Kunstverein Rosenheim
 






 Die Ausstellung    Archäologischer Hintergrund

Der archäologische Hintergrund der "Stader Bilder" von Jonathan Meese und Daniel Richter von Andreas Schäfer

Die Freundschaft zu Daniel Richter ließ den Gedanken reifen, bei ihm nach künstlerischen Darstellungen von archäologischen Fundstücken aus Stade anzufragen. Die Motivation hierfür war, neue Wege in der Archäologie zu gehen und auch Menschen dafür zu gewinnen, die sich bislang für andere Gebiete interessiert haben oder mit der Archäologie weniger konfrontiert waren. Das rege geschichtliche Interesse von Daniel Richter ist bekannt, er war bereits in jungen Jahren an Ausgrabungen in Preetz (Schleswig-Holstein) beteiligt. Von ihm selbst stammt die Idee, die Bilder gemeinsam mit Jonathan Meese zu gestalten. Die Gründe hierfür lagen in einer besseren künstlerischen Auseinandersetzung.

Wie zu erwarten, sind die Bilder der beiden Künstler frei interpretiert, bei einigen Bildern sind die Gegenstände stark verfremdet. Der Betrachter wird vieles erst auf den zweiten oder auch dritten Blick wieder erkennen. Aber genau darin liegt der Reiz dieser Bilder. Sowohl fr den Archäologen wie auch für den Künstler sind sie eine neuartige Herausforderung und ein neues Betrachtungsfeld.

Ursprünglich war angedacht, dass fünf wichtige archäologische Fundstücke bzw. Befunde aus Stade dargestellt werden sollten. Diese sollten die Vielfältigkeit verdeutlichen, denn kaum eine andere norddeutsche Stadt kann ein ähnlich vielschichtiges Fundgut von der Steinzeit bis in die Neuzeit aufweisen wie Stade. Als erste schriftliche Überlieferung Stades ist der Wikingerüberfall 994 fixiert, doch bereits bis in das frühe Mittelalter lässt sich die Geschichte der Stadt archäologisch nachweisen. Stade gilt als eine der ältesten Städte Norddeutschlands und war bis um 1250 fast doppelt so groß wie Hamburg. Später zeugen die Mitgliedschaft in der Hanse und der Ausbau als Festungsstadt in der Schwedenzeit ab 1645 von einer intensiven Geschichte.


Die Papstbulle aus der Hafengrabung

Zu einer der bedeutendsten Grabungen in Stade kam es, als 1989 das Hafenbecken in der Altstadt saniert werden musste. Die Stadtarchaeologie konnte einen 4 Meter breiten Schnitt durch die Hafensedimente setzen. Bei den Ausgrabungen wurde das erste kuenstliche Hafenbecken um 1000 n. Chr. nachgewiesen. Von ueberregionaler Bedeutung sind die umfangreichen Einzelfunde mit einem Gewicht von ueber 30 Zentnern. Groesstenteils handelt es sich den reichhaltigen Niederschlag des Alltagslebens wie Schmuck, Hausrat, Waffen oder Spielzeug. Daneben vermitteln die ueber 1000 Muenzen, Klappwaagen, Feingewichte, Tuchplomben oder Pilgerzeichen Einblicke in die weit reichenden Fernbeziehungen.

Auf einem Bild der beiden Kuenstler ist die Papstbulle der Hafengrabung gemeinsam mit der Bischofskruemme dargestellt. Es handelt sich hierbei um eine Bulle, sprich ein Siegel des Papstes Benedict XII., der von 1285 bis 1342 gelebt hat. Benedict XII. war von 1334 bis 1342 Papst in Avignon. Er reformierte in seiner Amtszeit die kirchliche Aemterbesetzung, vor allem der Benediktiner und Zisterzienserorden. Sein Leibarzt Johann I. war gelernter Mediziner und Bischof von Verden.


Das Bischofsgrab

Im Mittelpunkt der Bilder von Jonathan Meese und Daniel Richter steht das Stader Erzbischofsgrab. Das waehrend der Grabungen von 1992 bis 1997 im Zeughaus gefundene Grab ist ein aussergewoehnlicher Befund. Die Ausgrabungen waren durch die Sanierung des Gebaeudes notwendig geworden. Die Schweden haben beim Bau des Zeughauses 1698 auch die Mauern mittelalterlicher Gruefte systematisch abgebrochen, so dass nicht mit der Erhaltung von Bestattungen gerechnet werden konnte. Auf dem Areal befand sich die aelteste Ordensniederlassung Stades, das 1132 von Graf Rudolf II. von Stade gegruendete Praemonstratenserkloster St. Georg.

Der Leichnam fand sich in exponierter Lage in einer Entfernung von 2,5 Meter zum Hochaltar. In diesem Bereich vor dem Altar wie in allen Partien des Chors, in denen die Eucharistie gefeiert wurde, waren Graeber nur in Ausnahmefaellen und bei herausragenden Persoenlichkeiten zugelassen. Der Tote war mit Blickrichtung Osten in Rueckenlage beigesetzt, die Haende zum Gebet gefaltet. Die anthropologische Untersuchung der Skelettreste stellte ein fuer die damalige Zeit seltenes Sterbealter von 63 - 70 Jahren fest, dies stimmt mit den schriftlichen Quellen ueberein.

Auf der Brust des Toten lag eine stark korrodierte eiserne Kruemme eines Bischofsstabes. Die Kruemme war urspruenglich vollstaendig verzinnt, im unteren Bereich liess sich eine Kupfertauschierung nachweisen. Hier handelt es im moeglicherweise um die Reste eines Schriftzuges, vielleicht mit dem Namen des Toten. Obwohl die Kruemme mit der wahrscheinlich silberaehnlich glaenzenden Oberflaeche und dem Dekor der Kupferlinien nicht ohne repraesentative Wirkung gewesen sein duerfte, ist aufgrund der Herstellung aus Eisen auszuschliessen, dass es sich um den originalen Amtsstab des Erzbischofs handelt. Es ist ein eigens fuer die Bestattung angefertigtes Stueck, eine ,Grabinsignie". Dieser Brauch kann bei etlichen Grablegen von Koenigen und Bischoefen im Mittelalter beobachtet werden. Den Toten werden statt der Originalinsignien Ersatzanfertigungen mitgegeben.

Der Leichnam war vollstaendig von einer weitgehend vergangenen dunklen Huelle aus einer organischen Substanz umgeben. Diese konnte erst nach intensiven Laboruntersuchungen als Leder analysiert werden. Solche Ledersaecke wurden im Mittelalter benutzt, um die Ueberreste Verstorbener ueber laengere Strecken zu ueberfuehren. Das Stader Grab war folglich nur als Zwischenlager fuer den Leichnam Gottfried von Arnsbergs angedacht. Er sollte vermutlich spaeter in dem Ledersack nach Bremen gebracht und dort im Bremer Dom beigesetzt werden, dem eigentlichen Bestattungsplatz der Erzbischoefe.

Die Stadtarchäologie ist derzeit damit beschäftigt, den Keller unter dem Zeughaus mit dieser ungewöhnlichen Bestattung neu zu gestalten. Die rekonstruierte Bestattung des Bremer Erzbischofs soll einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, dabei soll die ursprängliche Nutzung als Gruft im Vordergrund stehen.





 










    Eine Veranstaltung der Stadt Stade und des Museumsvereins e.V. Stade in Zusammenarbeit mit der Galerie Contemporary Fine Arts (Berlin)