Daniel Richter + Jonathan Meese
"Die Peitsche der Erinnerung" vom 18.01. - 19.03.2006 im Kunsthaus Stade
 03.04. - 09.04.2006 in Berlin, 30.04. - 30.09.2006 in Hamburg,  15.10.2006 - 07.01.2007 im Le Magasin, Grenoble,
 03.03 bis 01.04.2007 im E-Werk Freiburg,  15.07. bis 26.08.2007 im Kunstverein Rosenheim
 





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Interview mit Daniel Richter
von Tina Petersen   Galeriekontakt: www.cfa-berlin.de

Frage: Herr Richter, Sie wurden von Ihrem alten Freund Andreas Schäfer, dem Stader Stadtarchäologen gefragt, ob Ihnen nicht etwas zu einem Bischofsgrab aus dem 14. Jahrhundert einfällt, woraufhin Sie bei einem anderen alten Freund, nämlich Jonathan Meese, anriefen. Erzählen Sie mal!

Daniel Richter: Die einzige Möglichkeit das Projekt zu machen, war Jonathan zu fragen, weil er eine sehr gute katalysierende Fähigkeiten hat. Mit meinem Ansatz zu Geschichte hätte ich da nichts herstellen können, es hätte mich auch nicht interessiert. Zusammen mit Jonathan, dessen Thema ja Geschichte und ihre Banalisierung ist, war das hingegen sehr anregend. So ergänzten sich zwei, sagen wir mal, humorig-kritische Ansätze im Umgang mit der Geschichte. Und abgesehen davon ist es ja so: Wenn man etwas zusammen macht, ist die Entschuldigung für den jeweils anderen immer gleich mitgeliefert. Man kann so Dinge machen, die man sonst nie machen würde.

Frage: Worum geht es bei "Die Peitsche der Erinnerung"?

Richter:Das Thema ist diese Fundstelle, die Speerspitze der Zivilisation, die da im Matsch liegt und das ist, abstrakter betrachtet, ja ganz klar die Frage nach Geschichte und ihrer Wirkungsmacht, nach Traditionslinien und dem ganzen Kitsch und Pathos, der damit zusammenhängt. Damit die Beurteilung der Bedeutung von Geschichte leichter fällt, spielt in unserer Arbeit der Euro eine gewisse Rolle. Wir sagen klar: Fünf Euro für die Vergangenheit und 20 für die Gegenwart. Als historisch geschulte Menschen wissen wir zwar eigentlich, dass die Vergangenheit die Gegenwart determiniert, aber das ist ja auch das Widerwärtige an ihr. Speziell in Deutschland ist der Umgang mit ihr aber natürlich von dieser Notwendigkeit geprägt.

Frage: Ist Vergangenheit gegenüber dem Jetzt übermächtig?

Richter: Der Mensch lebt in der Gegenwart und sollte sich viel weniger aus Traditionen und Sentimentalitäten ableiten, sondern aus den Notwendigkeiten dessen was er vorfindet. Vielleicht noch mit einer gewissen Zukunftsorientierung. Er sollte also seine eigene Vergangenheit bereits mitdenken, und nicht immer am bereits Vergangenen rumklumpen. Das war so die ungefähre Idee von "Die Peitsche der Erinnerung".

Frage: Wären Sie wohl so freundlich zu erzählen, wieSie beide diese Arbeit erledigt haben?
Richter: Wir haben in meinem Atelier gesessen, das Material vor uns ausgebreitet, es fotokopiert, angefangen, uns darüber Gedanken zu machen und so frei assoziierend zu arbeiten. Ich habe irgendwelche Sachen auf eine Leinwand geklebt und dann hat Jonathan da drüber gemalt und dann ich wieder auf das was er gemacht hat. Wir haben dabei viel geredet. Einfälle sind ja sehr stark von Zufällen abhängig, das kannst du vorher nicht planen. Wir waren dann auch selber ganz überrascht, dass uns das ganz gut von der Hand ging. Vor allem hatten wir großen Spaß dabei und man sieht ja auch, dass das jetzt keine stringent semi-wissenschaftliche Arbeit ist. Wir haben uns also nicht einschüchtern lassen von der Definitionsmacht der Historiker oder der Archäologen, die uns im übrigen sehr wichtig ist.

Frage: Sie beiden schenken diese Arbeit ja der Stadt Stade...

Richter: Nein, wir stiften sie ihr, das ist juristisches Fine-Tuning, worauf es in diesem Falle ankommt. Stiften ist ja ein Akt, der zukunftsorientierter und gemeinnütziger ist als eine Schenkung, die ja nur sagt, etwas geht in anderen Besitz über. Wir würden das jetzt also nicht stiften, schenken oder wegschmeißen wollen, wenn es dann in irgendwelchen Lagern rumstünde. Das ist von uns ja schon verbunden mit dieser Idee, dass es zugänglich ist. Aber was war jetzt die Frage genau? Die Frage lautet: Ob sich demnächst in den schönen Räumen des Stader Kunsthauses Reichtümer sammeln?
Richter: Nein, das sieht man ja, das ist nur ein bisschen Farbe, Kleister und Filzstift, das kann ja kein Wert sein. Uns interessiert nur die immaterielle Wertschöpfung, mit der materiellen können sich ja Journalisten, Sammler, Auktionatoren beschäftigen.

Frage: Okay, aber jüngst wurde in New York Ihr Bild "Gedion" für 240.500 Dollar versteigert...

Richter:Ja, die Wahrheit ist, dass meine regulären Preise auch nicht viel schlechter sind. Das ist viel Geld, aber das interessiert mich äberhaupt nicht. Das ist so wie die Information, dass eine Platte, die man toll findet, oft verkauft wurde. Dann ist man überrascht, freut sich vielleicht und denkt, "Mensch, toll, dass die gut ankam". Für die eigene Wahrnehmung ist das aber egal, außer, dass man sehr vielen Leuten begegnet, die das faszinierend finden.

Frage: Ja, aber das scheint ja auch der Beweis, dass es sich bei Daniel Richter um eine ganz große Nummer handelt!?

Richter: Man soll sich da nicht täuschen. Sehr viele Leute verdienen zurzeit sehr viel Geld in der Kunst und ob die alle große Nummern sind, das muss bezweifelt werden. Der Preis hat mit der Rezeption des Werkes überhaupt nichts zu tun. Es gibt Künstler, die sind auf Auktionen sehr erfolgreich und haben keinerlei ernstzunehmende Rezeption. Und umgekehrt gibt es Künstler, deren Arbeiten sehr wichtig und prägend sind, aber kaum verkaufen, weil der Produktcharakter ihrer Werke nicht offensichtlich genug ist oder sie einfach in keinen Salon passen...

Frage: Finden Sie das Thema überflüssig?

Richter:Ja. Nein, es ist interessant. Aber nur unter dem Aspekt, was Kunst auf der einen Seite für einen Warencharakter und auf der anderen Seite für einen Wirkungscharakter hat und wie sich das gegenseitig auflädt. Aber sonst ist es müßig, denn heute sind die Preise hoch, morgen sind sie niedrig. Wenn sich darüber entscheidet, was Kunst bedeutet, dann fürchte ich, hat man nicht begriffen worum es geht.

Frage: Verraten Sie bitte noch, ob Sie ein Herz für die Provinz haben.

Richter: Die meisten Menschen leben einfach in kleinen und mittelgroßen Städten und wenn man selber daher kommt - Jonathan aus Ahrensburg und ich aus Lütjenburg - dann kennt man natürlich diesen Background und dann ist es auch interessant in diesem Rahmen etwas zu machen, weil die Wirkung viel unvorhersehbarer ist. Das läuft einfach neben den großen Strömen der Kunstrezeption.

Frage: Wie meinen Sie wird "Die Peitsche der Erinnerung" in Stade ankommen?

Richter: Ich kann das natürlich schlecht sagen, aber ich glaube, es gibt ein flammendes Interesse, weil das Leben in der Provinz häufig geprägt ist von einer leichten Langeweile. Wir jedenfalls freuen uns drauf!

 







    Eine Veranstaltung der Stadt Stade und des Museumsvereins e.V. Stade in Zusammenarbeit mit der Galerie Contemporary Fine Arts (Berlin)